Clemens Mitscher

Obwohl die digitalen Komponenten die professionelle Auftragsfotografie, die künstlerische Autorenfotografie oder die Amateurfotografie mehr und mehr bestimmen, werden wir es auch zukünftig grundsätzlich bei der Aufnahme immer mit Licht und mit optischen Systemen zu tun haben. Digital Imaging ersetzt kein Fotografieren, ermöglicht jedoch effektiver Kontrolle, Korrektur und Ausgabe der optisch erzeugten Lichtbilder. Durch die Bearbeitung mit Farb-, Kontrast,- Radier- oder Verzerrungsfiltern in Bildbearbeitungsprogrammen wie dem ADOBE PHOTOSHOP transformieren sich gescannte oder digital gespeicherte Fotografien zu einer Art elektronischer Malerei. Auch der digital gesteuerte Output eines "Ink-Jet Printers" hat mit Druckgrafik mehr zu tun als mit der inzwischen auch digital ansteuerbaren Silberhalogenid-Technologie, deren Nutzungszyklen aufgrund ständiger Neuerungen immer kürzer werden. Die erst vor wenigen Jahren von der italienischen Firma Durst entwickelte "Lamda"-Belichtung, bei der Daten per Laserstrahlen durch Optiken punktgenau auf konventionelles Fotopapier fokussiert werden, ist inzwischen durch eine Erfindung aus dem gleichen Haus überholt. Mittels eines Fiberoptik-Systems wird jetzt das Licht mehrerer Halbleiter LEDs über Glasfasern zum Belichterkopf geleitet, der in einem Abstand von wenigen Millimetern über das Fotopapier gelenkt wird (Epsilon-System).

Die Frage, ob der Wettbewerb um den Output von Fotografien von der Silberhalogenid-Technologie oder von Ink-Jet-Systemen entschiedenen wird, ist in Bezug auf die Möglichkeiten unendlicher Reproduktion innerhalb der "virtuellen Druckplatte" Web-Site nachrangig, denn hier klonen sich schon jetzt Bilder in jedem Browser-Cache automatisch. Fotografien erscheinen zunehmend erst auf dem Monitor und werden je nach Bedarf erst anschließend gedruckt oder ausbelichtet . Die großen Filmhersteller haben bereits damit begonnen, das Internet als Reproduktions- und Distributionsmaschine für Fotografie zu nutzen. Ihr Interesse am Internet ist die Datenübertragung zum Zweck der Herstellung von Prints, die der Endverbraucher wenige Tage später im Briefkasten hat. Konsumerdigitalkameras mit eingebauten Modems oder speziellen Sendeeinheiten werden bald in der Lage sein, Echtzeitbilder über das Mobilfunknetz direkt zu den Labors zu schicken. Filme und Speichereinheiten in den Kameras werden dann überflüssig. Die Verbreitung von Fotografien wird über die Logistik der Kommunikationstechnologie abgewickelt und die Fotokonzerne werden zu Netzbetreibern. Fujifilmnet, Agfanet und Kodak-Photonet existieren schon.

Der gegenwärtig verstärkte Bau von Fabriken für Flachbildschirme ermöglicht im Zusammenhang mit der Verschmelzung von Fernsehen und Internet wandgroße und ständig austauschbare Bilder. Verstärkt werden Amateurbilder gleich bei der Entwicklung vom Labor ins Netz gestellt und sind mit einem persönlichen Code nutz- und abrufbar. Im Zuge dieser technischen Neuerungen wird auch das klassische Schwarzweiß-Positivverfahren - ebenso wie schon heute Holzschnitt, Radierung oder Lithographie - zu einer künstlerischen Edeltechnik werden. Doch solange nur Nostalgie zu einer Realisation dieser Techniken führt, bleibt die künstlerische Auseinandersetzung außen vor.

Produktion und Reproduktion

Kunst mit Fotografie aus den fotografischen Funktionsbildern der industriellen Massenkultur zu isolieren, wird um so schwieriger, je mehr im Kampf um die Produkte die Marketing-Abteilungen ähnliche visuelle Tricks und Strategien anwenden wie die Künstler selbst. Massenwirksam und innovativ ist, was dem Anschein nach aus der Norm gerät, weil es inmitten der bestehenden Bildbombardements erst dann noch auffällt. In Zeiten, in denen unscharfe, zerstörte oder Schnappschussbilder die Trendmagazine überfluten oder in ihrer animierten Variante per Satellitenschüssel in die Wohnzimmer von der Stange katapultiert werden, in der High-End-Models als Fake-Junkies für High-End-Produkte werben, muß künstlerische Radikalität mit Fotografie in der Produktion von Bildern bestehen, die die visuellen Tricks der Bilderindustrie unterlaufen.

Text Copyright Clemens Mitscher © 1999