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Peter Weiermair
Bemerkungen zu den Arbeiten von Clemens Mitscher
Mitscher gehört wie viele andere internationale
Künstler seiner Generation zu jener Gruppe von Künstlern,
die in einer immer ausschließlicher werdenden Medienwelt
groß geworden sind. Die Wirklichkeit wird verstellt
von den Abbildern der Wirklichkeit, den Reklamebildern,
auf die bereits die Pop Künstler der Sechzigerjahre
reagiert haben, den gerasterten Videobildern des
24Stunden Fernsehens, den Kaufhauskatalogbildern,
die uns zum Erwerb der Waren auffordern, den pornographischen
Darstellungen, die permanent Lust perpetuieren,
den eingefrorenen historischen Situationen wie den
Störungen und Zerstörungen der Zivilisation, wie
sie die Zeitungen täglich reproduzieren. Unser Bewußtsein
ist von den Massenmedien beeinflußt und die Dinge
uns immer mehr nur mehr als Bilder von Dingen verfügbar.
Mitschers Arbeit hat mit dieser Situation zu tun
und es ist der Versuch sich dagegen zur Wehr zu
setzen, das Problemfeld Wahrheit und Wirklichkeit
der Bilder mit Hilfe gezielter Motivwahl und formaler
Veränderungsstrategien des photographischen Bildes
zu besetzen. Mit der Vorstellung von guter Photographie,
das heißt der klaren und präzisen Wiedergabe der
Wirklichkeit im photographischen Bild haben bereits
Künstler wie Brus, Blume oder Polke gebrochen. Nicht
Schärfe, sondern Unschärfe wurde gefordert, das
verwackelte, zufällige Bild eines trivialen Gegenstandes,
das aller herkömmlichen Photoästhetik Hohn sprach,
die Entwickler wurden versetzt mit ätzenden, die
Oberfläche des Films verletzenden Chemikalien, die
Photokunst der Siebziger Jahre kannte das mechanisch
malträtierte Bild. Das Rasterverfahren des photographischen
Bildes im Siebdruck war bereits ein beliebtes Verfahren
der Pop Künstler. Die Auflösung des konkreten Bildes
der Wirklichkeit bis zur Nichtmehrwiedererkennbarkeit
wurde ein beliebtes Verfahren. Aus dem konkreten
gegenständlichen Vorwand wurde ein abstraktes Gebilde,
das Photo erhielt informelle Züge, malerische Überlegungen
flossen mit ein. Stephan Schmidt Wulffen stellt
in seinem Buch "Spielregeln" im Hinblick auf Richter
zu Recht fest: "Richters Foto Gemälde machen den
Betrachter unsicher, welche Form des Blicks angemessen
ist. Die Unschärfe wirkt auch als eine ontologische
und so geraten die Wahrnehmungsformen durcheinander.
Dieses Durcheinander nützt Richter erkenntniskritisch...und
an anderer Stelle heißt es und ich erwähne dies
so ausführlich, weil es für Mitschers Vorgangsweise
von Belang ist. "Indem Polke und Richter diese Nahtstelle
zwischen abstrakter gestalterischer Produktion und
figurativem Augenschein vorgeblich ontologisch ernst
nehmen, eröffnen sie sich ein weites Feld künstlerischer
Stellungnahmen." Auf diesem Feld dürfen wir auch
Mitscher ansiedeln, der freilich von der Photographie
ausgeht und auch nicht wie dies Richter oder Polke
tun, die Bildinhalte nivelliert. Mitscher wählt
seine Motive ganz bewußt, er will nicht die Austauschbarkeit
all dieser Motive im Sinne einer ihnen allen gemeinsamen
Trivialität und Banalität dokumentieren, sondern
Motiv und Transformation verschränken. Er entwirft
zusammen mit der für ihn charakteristischen Farbigkeit
ein assoziativ begreifbares Klima der Angst, Vernichtung
und Zerstörung, vermittelt dieses Grundgefühl unseres
Jahrhunderts, das im letzten Jahrzehnt des Jahrtausend
sich zu dem Gefühl einer ökologischen Ohnmacht auswächst
nicht didaktisch abstrakt, sondern intuitiv vermittels
der von ihm beschworenen "Bilder". Die Nähe zu Verfallsformen
von Substanzen, das Ausbleichen wie aber auch das
ZUwachsen mit Schwarz, die Nähe mancher Bilder zu
Röntgenaufnahmen, zu Schimmelformen, die Auflösung
der Form der Bewegung, der UNschärfe vermitteln
dem Betrachter ein Gefühl der Beklemmung und der
Angst, die sich an den dargestellten Gegenständen
nicht immer festmachen läßt. Manchmal sind auch
diese Gegenstände Auslöser einer möglichen Assoziationskette,
etwa im Falle der Bushaltestelle Stammheim, einer
Pistole oder einer Handgranate wie auch deutscher
Schäferhunde, die den Betrachter angeifern. Mitscher
bedient sich bei der Herstellung seiner Einzelbilder
Diptychen oder mehrteiliger Folgen unterschiedlicher
Strategien der Veränderung, die von der Vergrößerung
des Bildes ihren Ausgang nehmen. Das Bild überwältigt
den Betrachter durch seine Größe wie auch durch
die schwefelige Farbigkeit. In MASSA. führt er Waren
eines Kaufhauses in einem Bildraster vor; sie werden
in Farbe und der oft nur mehr erahnbaren Form so
verändert, daß er die auf Kaufverführung angelegten
Abbildungen ins Gegenteil verkehrt. Er verfremdet
sie, macht sie »ungenießbar«.In den letzten Jahren
hat Mitscher Einzelbilder zu Bildfolgen gefügt,
wobei das Einzelbild fast einen Stillcharakter aus
einem größeren Filmzusammenhang oder einer erzählten
Geschichte besitzt, Details auf Totale stoßen; zum
anderen wirken (wie in der Arbeit "good guys or
bad guys") die Bilder wie Teile eines sich verlangsamenden
Vorgangs, formales Spiel mit der Serialität aber
auch bewußte Steigerung der expressiven Qualität
des Bildes, die mit der Vervielfachung nicht ab
sondern im Gegensatz zu Warhols Vervielfältigungen
zunimmt. Mitscher löst in seinen Arbeiten die Bildwelt
auf. Einer statischen Vorstellung der aseptischen
eindeutigen Welt der Glanzphotographie wird die
Erfahrung ständiger Veränderung, das Formenspiel
und die Zerstörung der eindeutigen Bilder entgegengesetzt.
Als kritische Auseinandersetzung mit der Welt der
Bilder, die für die Realität gehalten wird.
© Peter Weiermair in Katalog "Kontext"
Marburger Kunstverein 1990 |
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