Thomas Vogel

Bild von Wirklichkeit

Das mag nach einem ersten Augenschein noch gar nicht so deutlich hervortreten, denn nirgends wird das Thema in direkter Weiseund abbildhaft wiedergegeben. Was gezeigt wird, sind bedeutungsgetränkte Spuren, die es vom Betrachter zu erschließen und weiter zu verfolgen gilt. Eine erste Reflexionsebene, der Motiventschlüsselung vorangehend, muß dabei dem Realitätsgehalt dieser Fotografien gelten. Denn Mitscher setzt sich nicht mit der wirklichen Wirklichkeit auseinander, sondern mit einer Wirklichkeit, wie sie in Abbildungen von Wirklichkeit widerscheint - was nicht dasselbe ist, da hier bereits andere "Bildermacher" interpretierend am Werke waren. Diese Interpretation ist Mitschers eigentliches Thema, und indem er diese vorangegangenen Eingriffe wieder ins Bewußtsein rückt, zerstört er gleichzeitig die an Fotografie wie an den "nachrichtlichen Film" - ein zweiter Bereich, mit dem er sich auseinandersetzt - gerichtete Erwartung, daß objektive Wahrheiten abgebildet sind. So ruft Mitscher den manipulierten Charakter des CNN-Materials über den Golfkrieg ebenso in Erinnerung wie andere Erzeugnisse anderer Propaganda-Apparate, etwa des nazistischen. Suggeriert werde darin die Abwesenheit von Gewalt in ihrer "schmutzigen" Form um Zustimmung zu organisieren. Mitscher zeigt beispielsweise in Versuch 23 eine Standaufnahme aus einem Nazi-Film (entnommen aus "Architektur des Untergangs" von Peter Cohen), worin als Vorschein der Judenvernichtung der Gebrauch von Zyklon B in der Schädlingsbekämpfung demonstriert wird. In "Fieldglasses" ("Nachtsichtgeräte") und der 16-teiligen Radarschirm-Reihe geht es Mitscher ebenfalls um die Thematisierung der medialen Vermittlung von Zerstörung, diesmal im High-Tech-Wüstensturm, der als "sauberes" Computer-Spiel inszeniert worden war. Mit der Isolierung, der Vergrößerung und teils seriellen Wiederholung der Vorlagen wie ihrer fotochemischen Verfremdung findet sich ein individueller Beitrag, der sich eindeutiger Stellungnahmen auf inhaltlicher Ebene aber verweigert - sie wären, was abgelehnt wird, gleichermaßen ebenfalls Manipulation, wenngleich vielleicht in eine andere Richtung gerichtet. Der Betrachter reagiert, während der Künstler "moralisch indifferent" bleibe, so hatte dies zur Eröffnung Peter Weiermair ausgedrückt. Durch die Verfremdungsarbeit des Künstlers reduziert sich das gemeinte oder per Anspielung zitierte Ereignis immer mehr auf eine allgemeinere Bedeutungsebene. Im Extremfall kann der ursprüngliche Kontext sogar vollständig verlorengehen. Niemand, der nicht mit persönlichen Informationen des Künstlers ausgestattet ist, wird die gedankliche Spur von "good guys or bad guys zurückverfolgen können bis zu jenem Schäferhund-Bild in der längst verflossenen Jugendzeitschrift "twen" zum einen und zum anderen zur Schlußszene aus einem Film über die Wannsee-Konferenz, als einer der Teilnehmer, der gerade über das Schicksal von Millionen Juden befunden hat, sich ausgelassen mit seinem arischen Hund beschäftigt. Schon der indifferente Titel sagt daß eine Kommentierung und Bewertung des als Symbol erkorenen Tiers vom Künstler bewußt nicht erfolgt. Ins Monströse Nicht immer ist seine Neutralität eine totale. Wenn er Aufnahmen von Aufnahmen aus einer 60er-Jahre-Propagsndaschrift des innerdeutschen Ministeriums mit "pictures from the front" betitelt. (voveuristisch werden hier Blicke nach "drüben" geworfen) oder er die die medizinischen Geräte aus seiner "Instrument-Reihe ins Monströse verfremdet, dann verschließt Mitscher eine andere Leseart als die von "Formen des Gewaltsamen" - das man gerade bei diesen Beispielen in anderer Art der Abbildung kaum so gesehen hätte. Nur sehr mittelbar kommt dieses Leitthema dann in der "dust-bug-system"-Reihe zum Vorschein. Was sind wir für eine Gesellschaft, fragte sich Mitscher, die sich, wie er herausfand, 650 verschiedene Staubsaugerbeutel-Typen leistet?

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