Richard Laufner

Und ein Symbol sagt leise Servus

Clemens Mitschers Hammer-Und-Sichel-Installation in Marburgs Grimm-Stube und im World-Wide-Web In der zweiten Weihnachtsnacht 1991 wurde in Moskau die Sowjet- Fahne eingeholt. Aus war's mit der Sowjetunion - und mit Hammer und Sichel, die im Juli 1918 in Artikel 89 der Sowjetverfassung zu Zentralemblemen des Staatswappens erklaert worden waren. Auf dem Boden der Marburger Gebrueder-Grimm-Stube verteilt liegen nun geschredderte Sowjetfaehnchen aus Papier, produziert fuer kindliche Gorbimaniacs zum Bewinken des letzten Sowjetobersten bei dessen Berlin-Besuch kurz vor der Wende. Eine Litfasssaeule zeigt extreme Vergroesserungen des Hammer-und-Sichel-Emblems. Wie bei Antonionis Film ergeben sich durch das Blow-up neue Einsichten: Vom Sichelgriff scheint sich ein Tropfen zu loesen. Auf den grossformatigen Fotos eines entbloessten Rueckens deuten sich die Konturen von Hammer und Sichel an. Zufaellige Schatten oder Spuren von Folterungen? Der Marburger Kuenstler Clemens Mitscher (Jg. 55), Absolvent und Dozent an der Offenbacher Hochschule fuer Gestaltung, bekannt geworden unter anderem durch Arbeiten zur Reichspogromnacht sowie Foto- und Videosequenzen ueber den Golfkrieg, beschaeftigt sich in einer Installation mit dem Verschwinden und der Entsorgung von Hammer und Sichel. Da wird das Emblem miniaturisiert, extrem vergroessert, gepixelt, gestanzt, gefilmt und per Anagramm (Buchstabenverdrehung) russifizierten Beruehmtheiten angeheftet. Durch Sponsoring wurden von der Bayerischen Sichelunion die Sicheln, von der Marburger Stempelfabrik die computergesteuerte Stanzung besorgt. Der Dernier cri der kapitalistischen Moderne, die Reise ins Internet, darf auch nicht fehlen. Solche respektlosen Behandlungen schuetzen vor einem Abgleiten in Ostalgie. Aber die Entlarvung oder Demaskierung des Symbols ist Mitschers Sache nicht. Das haben schon Karikaturisten der auslaufenden Sowjetunion erledigt. In der verfremdenden aesthetischen Bearbeitung des Staatsemblems und kommunistischen Symbols werden Ambivalenzen freigelagt. Auch politpsychische Double-binds eines Teil der ueber 30jaehrigen, die sich bei der Vernissage sogar Hammer-und-Sichel- Stempel auf Kleidungsstuecke druecken liessen. Spielerischer Umgang mit einem Symbol, das keinen Schrecken mehr verbreiten kann, oder Ueberreste einer verschwiemelten Sympathie mit der einst konkurrierenden Gesellschaftsordnung? Mitscher inszeniert die merkwuerdige Begegnung eines untergegangenen Symbols mit der alternativlos gewordenen kapitalistischen Moderne. Als Zeichen einer gesellschaftlichen Hoffnung moegen die schon bei der UdSSR-Gruendung obsoleten Symbole fuer Industrie und Landwirtschaft verspielt haben. In Mitschers Installation passen Hammer und Sichel nirgendwo mehr hin, eine besondere Utopie. In einem Anfall von Fuersorge hat der Marburger erwogen, die internationalen Rechte fuer das Emblem zu erwerben. So soll es Parfuemeuren oder Modemachern entzogen werden. Solche fuersorgliche Privatisierung koennte dem Kollektivsymbol am Ende seiner Geschichte nur noch eine letzte Groteske bescheren.

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