Harald Kimpel

[...] daß die von den Medien erzeugte imaginäre Realität die einzige ist, mit der man zu rechnen hat, ist auch Thema von Clemens Mitschers Arbeiten zum Golfkrieg. Indem er die Fernsehbilder aufgreift, mit denen der ferngesteuerte Luftkrieg den Zuschauern nahegebracht wird, dokumentiert er die mangelhafte Leistungsfähigkeit der aufbereiteten Bildwelten gegenüber der Realität, die abzubilden sie beanspruchen. Die Kleiderfetzen der Opfer aus einem Bunker in Bagdad ("Air Raid-Shelter-Attack", 1991) sind im Zustand ihrer elektronischen Auflösung so aussageunfähig wie die flimmernden Strukturen, die von der Kamera in der Raketenspitze als Abbilder von Wirklichkeit behauptet werden. Die Bilder belegen: Es gibt nichts zu sehen. Je perfekter die visuelle Überwachungs- und Beobachtungstechnik wird, desto inhaltsloser fallen die Resultate aus. Mitschers fotografisch festgehaltenen Mattscheibenereignisse verdeutlichen die Entsinnlichung des ferngesteuerten Luftkriegs zur Qualität einer Bildstörung - oder eines Werbespots für zeitgemäße Kriegstechnologie: addiert werden die verbalen Kurzbeschreibungen von Leistungsfähigkeit und taktischen Aufgaben für das auf dem Bildschirm daheim sichtbare Gerät: "HELLFIRE LASERGUIDED MISSILE", "KILLS", "2000 TARGETS"... Andere Arbeiten zeigen die Verharmlosung des verbildlichten Ernstfalls aufs visuelle Niveau des Videospiels, die Reduzierung der Knopf-drücker zu Manipulatoren folgenloser Fernsehunterhaltung [...]

aus "Die vertikale Gefahr - Luftkrieg in der Kunst"
Jonas Verlag, Marburg
Text und © Harald Kimpel