Thomas Gebauer
Express Online: Thema der Woche | 3. April 2003
Love is a burning thing
AGIT POP - Ein Remix zum Thema von Michael Dreher
und Clemens Mitscher im Marburger Kunstverein
stimuliert lokale und globale Assoziationen zu
Korruption, verlogenen Politikern, apokalyptischen
Kriegsverbrechen und den Möglichkeiten der
Weltveränderung als Gradwanderung zwischen
Leidenschaft und Fanatismus
Wenn es überhaupt noch Hoffnung gibt, dann
liegt sie in der Revolution. Und wenn es Hoffnung
auf Revolution gibt, dann besteht sie darin, dass
Elvis Presley, der König des Rock, zu Che
Guevara wird." Mit dieser Aussage des Sängers
Phil Ochs beginnt ein schriftlicher Appetizer,
den die Künstler Michael Dreher und Clemens
Mitscher den Besuchern ihrer Ausstellung in der
Marburger Kunsthalle als Handreichung anbieten.
In diesem Text reflektieren Dreher und Mitscher
u.a. über den Verdacht, dass die künstlerische
Agitation eine bloße Simulation von Widerstand
ist und das z.B. "... auch jugendkulturelle
Manifestationen des Andersseins nur ornamentale
Bereicherungen einer tendenziell totalitären
Gesellschaftsmaschine" sein können.
Am Schluss der Innenansichten ihres Remixes zum
Thema "AGIT POP" bilanzieren beide Künstler,
dass Kunst überall überflüssig
geworden ist. Überall? Ein Rundgang durch
die noch bis zum 24. April präsentierte Ausstellung
erweckt den gegenteiligen Eindruck.
Bereits der Eintritt in die Kunsthalle konfrontiert
die Besucher mit zwei großformatigen Photographien,
auf denen jeweils ein überdimensional vergrößertes
Teppichmesser mit seiner ausgefahrenen Klinge
vertikal ausgerichtet ist. Die Schriftzüge
"SEE YOU" auf der einen und "IN
HELL" auf der anderen Klinge signalisieren,
dass beide Teppichmesser zusammengehören,
wie vormals die beiden Türme des World Trade
Centers in New York zusammengehörten. Bei
der Zerstörung der Twin Towers spielten Teppichmesser
eine maßgebliche Rolle. Die Attentäter
vom 11.9.2001 benutzten sie zunächst als
tödliche Waffe gegen die Besatzungen der
von ihnen entführten Passagiermaschinen,
bevor sie die Flugzeuge anschließend in
das World Trade Center lenkten.
Das Nebeneinander der beiden Teppichmesser anstelle
der zwei Wolkenkratzer des WTC erinnert jedoch
nicht nur an das unbeschreibliche menschliche
Leid des 11.9.01., sondern auch an die Folgen
des Attentats. Das "SEE YOU IN HELL"
der himmelaufwärts gerichteten Teppichmesserklingen
kann auch als Menetekel für die gegenwärtigen
Kriegsverbrechen gelesen werden. Denn alle selbsternannten
Gotteskämpfer, ob sie nun mit Teppichmessern
kämpfen oder Teil der "humansten Präzisions-Hightech-Kriegsmaschinerie"
sind, erreichen mit ihren Versuchen, das Böse
aus der Welt schaffen zu wollen, nicht etwa die
ersehnte Gottesnähe und Himmelfahrt, sondern
nur die Vergrößerung der ohnehin schon
großen irdischen Höllenqualen aller
auch gegen ihren Willen Beteiligten.
Ebenfalls im Eingangsbereich der Kunsthalle zeigt
der 1955 in Marburg geborene Mitscher eine zweite,
großformatige Photoarbeit, auf der er den
ganz in schwarz gehaltenen Roland Koch mit dem
am linken Rand der Arbeit zu lesenden Schriftzug
"London Calling" konfrontiert. "London
Callingï" ist das zum besten Musikalbum
der achtziger Jahre gewählte Werk der britischen
Punkrockband "The Clash", einer Formation
um Joe Strummer und Mick Jones, die mit ihrer
aggressiven Musik und provokativen Haltung gegen
Faschismus, gegen Gewalt, gegen Rassismus und
für eine Kreativität eintraten, die
keine "No Future"-Parolen akzeptierte.
Massenwirksam und innovativ ist, was dem Anschein
nach aus der Norm gerät, weil es inmitten
der unaufhaltsam visuellen und akustischen Warenbombardements
erst dann noch auffällt." Mit dieser
Einschätzung liegen Mitscher und Dreher nicht
nur in Bezug auf die Tricks und Strategien von
Politikern wie dem Hessischen Ministerpräsidenten
richtig. Sie benennen gleichzeitig die eigentliche
Herausforderung der Kunstschaffenden, die "...
visuellen Tricks der Bildindustrie durch künstlerische
Produktionen zu trojanisieren". "London
Calling" ist diesbezüglich eine ausgesprochen
gelungene Arbeit.
Mit einer halben Millionen Vinyl Single-Schallplatten
hat Clemens Mitscher seinen dritten Beitrag in
dieser Ausstellung zu einer gigantischen Skulptur
analoger Musikträger aufgeschichtet. Allein
der Anblick von Singles wie Grace Jones' "Do
or Die", Simple Minds' "Sanctify Yourself",
Alice Coopers' "House of Fire" oder
der Beatles Produktion "Got to get you into
my life" vermag einen ganzen Mikrokosmos
an Erinnerungen zu generieren. Den Titel "Helter
Skelter" des Lennon/Mc Cartney Songs hat
Mitscher indes mit der Typographie und Farbwahl
des Internetkaufhauses "e-bay" und durch
die fehlerhafte Buchstabierung ersetzt, mit der
Mitglieder der Charles-Manson-Sekte 1969 die Worte
mit dem Blut der von ihnen ermordeten Sharon Tate
geschrieben und am Tatort zurückgelassen
hatten.
Durch die Gegenüberstellung mit der schwergewichtigen
Skulptur analoger Authentizität entwickelt
Mitschers "healther skelter" einen subtilen
Kontrapunkt zur digitalen Kultur- und Konsumverflachung
unserer Zeit, die er hier gezielt an der sektenähnlichen
Phänomenologie von e-bay festmacht.
Ganz anders installiert der 1962 in Aurich geborene
Michael Dreher seine künstlerischen Implantate
in dieser Ausstellung. Der ehemalige Student von
Mitscher an der Hochschule für Gestaltung
in Offenbach lässt im Halbdunkel des zweiten
Stockes der Kunsthalle 19 Frauenkleider aus dem
vorletzten Jahrhundert auf ihren Ständern
als Erinnerung an das für die Frauenbewegung
wichtige Jahr 1892 in Richtung Biegenstraße
zum Tageslicht marschieren. In ihrem Rücken
hat Dreher fünf sehr unterschiedliche Lichtquellen
platziert, die mit ihren teilweise aus organischen
Materialien gefertigten Lampenschirmen, solarenergiebetriebenen
Propellern und anderen Reliquien der siebziger
und achtziger "back to nature"-Bewegung
zwar eine gebrochene Aufbruchsstimmung suggerieren,
aber letztendlich keinen entscheidenden Lichteinfall
erzeugen können.
Einen gewissen Magnetismus erzeugt da schon eher
das großformatige Gemälde "Villa
Kunterbunt", das Dreher den protestierenden
Frauenkleidern als ein mögliches Etappenziel
voranstellt, schließlich hat Pippi Langstrumpf
die Revolution eines befreiten und selbstbestimmten
Lebensentwurfes vorbildlich verwirklicht.
Zwischen "Villa Kunterbunt" und Protestbewegung
sticht jedoch eine weitere, dreiteilige Lampeninstallation
Drehers besonders ins Auge. Während auf dem
ersten Lampenschirm noch vom Spiel mit Entzündbarem
abgeraten wird, der zweite Lampenschirm jedoch
schon auffordert: "Let me please shine!"
spielt der durch entsprechende Ornamente verzierte
dritte Lampenschirm mit einer Weisheit des legendären
Sängers Johnny Cash: "Love is a burning
thing and makes a fiery ring. Bound by wild desires
I fell into a ring of fire."
Noch unbeschriebene Protestschilder und eine
von Michael Dreher gefertigte Keramikvase von
Friedensreich Hundertwasser, aus dessen Öffnung
sich geduldig ein Bonsaibäumchen Richtung
Himmel streckt, vervollständigen eine sehenswerte,
unorthodox zu lesende und - entgegen des Postulats
der Künstler - keinesfalls überflüssige
Präsentation über die Möglichkeiten
der Weltveränderung durch eine Kunst, die
ihre Grenzen kennt und dennoch leidenschaftlich
an der Gestaltung der Dinge mitarbeitet.
"AGIT POP" bis 24. April im Kunstverein
am Rudolfsplatz
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